Yachtcharter Karibik: von Anguilla bis Dominica

Das Revier der Leeward Islands bietet so viel Karibik-Vielfalt wie kaum ein anderes: Französische, britische und holländische Kolonien sorgen für Abwechslung

ANREISE

Wichtigste Flughäfen des Reviers sind St. Martin und Guadeloupe. Ersteres wird von KLM und Air France gleichermaßen angeflogen, da die Insel aus einem französischen und niederländischen Teil besteht. Attraktiv für Flüge mit Air France nach St. Martin ist, dass diese wegen des Flughafens im niederländischen Teil als Auslandsflüge gelten. Das bedeutet, dass deutsche Reisende in Paris den Flughafen nicht wechseln müssen, sie kommen in Paris Charles de Gaulle aus Deutschland an und steigen dort um. Für die Alternative nach Guadeloupe gilt dies nicht, da dies nach französischer Definition ein Inlandsflug ist. Daher muss man vom Airport Charles de Gaulle nach Orly wechseln, ein Transfer mitten durchs Herz von Paris, der etwa 60 Minuten dauert, je nach Verkehr. KLM fliegt über Amsterdam, da existiert das Problem nicht.

Bis vor Kurzem gab es noch Direktflüge von Deutschland nach Antigua, diese sind 2020 aber gestrichen worden, insofern ist dies zurzeit also keine Alternative. Es mag aber lohnen, jeweils bei den Agenturen nachzufragen, ob es wieder eine Verbindung dorthin gibt, denn Antigua ist als Starthafen ohne Frage sehr attraktiv.

CHARTER

Es gibt drei Flottenschwerpunkte: Der französische und niederländische Teil von St. Martin (niederländisch Sint Maarten), Guadeloupe und Antigua. Auf St. Martin gibt es diverse Ausgangshäfen: Marigot Bay im nordwestlichen niederländischen Teil, die Anse Marcel im Norden oder Oyster Point im Osten. Auf Guadeloupe konzentrieren sich die Charterflotten um die große Bucht von Point-à-Pitre herum. Auf Antigua befinden sich die Basen in English Harbour.

WIND & WETTER

Beste Reisezeit ist vom Ende der Hurrikan-Saison Ende November bis April. In dieser Zeit weht ein recht konstanter Passat aus Nordost bis Ost, meist mit 12 bis 25 Knoten. Bis Mitte Dezember ist die Wetterlage etwas instabiler als während der restlichen Segelsaison. Im April tendenziell etwas weniger Wind. Die Richtung des Passats ist für die Leewards günstig, gen Süden geht es oft mit raumen Winden, zurück ist es im Idealfall ein Anlieger. An den Leeseiten der hohen, bergigen Inseln wie Guadeloupe oder Dominica ist es oft windstiller, und die Windrichtung variiert stärker.

Immer rechnen müssen Crews in tropischen Revieren mit aufziehenden kräftigen, aber meist kurzen Schauern oder Gewittern, die dann auch entsprechend Böen mit sich bringen.

Wetterberichte holen sich die meisten Crews über die üblichen Smartphone-Apps wie Windy oder Windfinder Pro. In den französischen Revieren ist man im EU-Roaming. Vor anderen Inseln kann es teurer werden, viele Crews nutzen dann WiFi-Netze in Bars oder Restaurants.

Die Hurrikan-Saison geht offiziell von 1. Juni bis 30. November.

NAVIGATION & SEEMANNSCHAFT

Wer in den Leewards von Insel zu Insel segelt, muss längere Offshore-Passagen dazwischen im Passat absolvieren, die auch mal Seegang und mehr Wind mit sich bringen. An den Leeseiten ist der Wind schwächer und unsteter, dafür liegen dort aber oft die Häfen und Buchten. Das gilt besonders für St. Martin, St. Barth, Guadeloupe und Dominica.

Viele der Inseln sind eigenständig, was stetiges Ein- und Ausklarieren nötig macht. Das ist mal komfortabel, wie etwa im französischen Teil, wo es gute rechnergestützte PC-Systeme gibt, in denen die meisten Charterschiffe bereits zu finden sind und wo der Skipper das ganze Prozedere selbst abwickeln kann. Wichtig ist neben den Bootspapieren, immer eine Crewliste und Ausweispapiere der Crew dabeizuhaben. Für kurze, eintägige Stopps kann meist mit nur einem Behördengang ein- und, quasi im Voraus, gleich ausklariert werden. Die Rechner für solche Grenzwechsel stehen auch manchmal nur in Marinas (z. B. Marigot Bay St. Martin) oder Shops (z. B. Deshaies auf Guadeloupe). Am besten aktuell vor Ort nach der Verfahrensweise fragen, denn zum Teil schließen die Büros, auch von Beamten, schon um 17 oder gar um 16 Uhr.

Für die Insel Montserrat mit ihrem sehr aktiven Vulkan gelten Beschränkungen mit Sperrgebieten, je nach dessen Aktivität, die vor dem Törn erfragt werden müssen. Zudem gibt es seitens der Vercharterer teils Revier-Beschränkungen, etwa für den Nordostteil von Antigua. Manche Flottenbetreiber verbieten aus Versicherungsgründen, dessen komplizierte riffgesäumte Buchten anzulaufen. Das gilt auch für Teile von Barbuda, für dessen sehr flachen, veränderliche Gewässer die Seekarten zudem nicht sehr zuverlässig sind.

Bei der Ansteuerung von Häfen und Fahrwassern muss beachtet werden, dass in der Karibik das Lateralsystem zur Kennzeichnung umgekehrt zum europäischen ist (IALA-B): Von See ins Fahrwasser einlaufend finden sich an der Steuerbordseite rote Tonnen statt grüner.

Bei der Anfahrt an die Ankerplätze müssen sich Crews wegen der Riff-Köpfe auf die sogenannte „Eyeball-Navigation“, also die Ansteuerung nach Sicht, verlassen. Die funktioniert nach der Wasserfarbe. Tiefes Wasser ist blau, grünes oder türkises Wasser etwa fünf bis acht Meter tief, braunes und graues Wasser deutet auf Steine oder Korallenköpfe hin.

Die meisten Charterfirmen verbieten Kunden das Segeln im Dunklen. Man sollte also zusehen, dass man bis etwa vier oder spätestens fünf Uhr den Hafen oder Ankerplatz erreicht hat. Ausnahmen sind auf Anfrage machbar, doch oft darf man dann nur draußen zwischen den Inseln segeln. Nachts gilt es zumeist, einen Bannkreis um die Inseln einzuhalten, teils beträgt er an die zehn Seemeilen.

HÄFEN & ANKERPLÄTZE

Das weitläufige Revier zwischen Anguilla im Norden und Dominica im Süden bietet einen reichhaltigen Mix aus schönen und auch sicheren Ankerplätzen und guten Häfen. Auf den französischen Inseln ist die Marina-Infrastruktur dichter und professioneller, das gilt auch für Antigua. Auf den kleineren Inseln, besonders im Westen auf St. Kitts und Nevis, aber auch Anguilla und Barbuda sowie Dominica gibt es dagegen oft nur einfache Anleger.

Gute Ankerplätze liegen oft auf den Leeseiten der Inseln, die dem Passat ausgesetzten Nordostseiten sind oft zu unruhig. Auch an Nord und Südseiten steht manchmal Schwell in die Buchten, je nach Gegebenheiten müssen Crews sorgfältig auswählen. Das ist auch einer der Gründe, warum so viele Kats im Revier unterwegs sind: Da viel geankert wird, liegen diese Boote naturgemäß ruhiger. Es gibt sowohl Buchten, in denen völlig frei geankert werden kann, als auch eine ganze Reihe, in denen kostenpflichtige Bojenfelder liegen, etwa auf St. Barth, Guadeloupe, Les Saintes und anderen.

Das Liegegeld wird in der Regel abends von einem Marinero im Boot kassiert. Sind die Bojen alle besetzt, wird allerdings auch neben den Bojenfeldern geankert, nur in einigen Nationalparkgebieten ist dies ausdrücklich verboten. Oft sind es Sandgründe, die guten Halt bieten. Riffe müssen Crews selbstverständlich aus Umweltschutzgründen meiden.

LITERATUR & SEEKARTEN

Revierführer: Auf vielen Charteryachten finden sich die sehr praxisgerechten Bücher der Serie „The Cruising Guide“, es gibt einen Band „Leewards“ für den Nord- und einen für den Südteil, je 35 Euro (nur auf Englisch). Vom französischen Verlag Bloq Maritim gibt es den Band „Petites Antilles“ (französisch mit englischen Zusatztexten, 39 Euro).

Seekarten: Als Satz für das ganze Revier gibt es vom NV-Verlag das Paket Leeward Islands für 89,90 Euro. Beim Kauf ist die Nutzung des Kartensatzes für die Navi-App vom NV-Verlag mit enthalten. Der britische Verlag Imray bietet einen Übersegler und einzelne Karten für jede größere Insel (je 23,50 Euro).

REVIER-CHARAKTERISTIK LEEWARDS‘

Es gibt kaum ein Karibik-Revier das so große Vielfalt und Abwechslung bietet wie die Leeward Islands. Da sind die französisch geprägten Inseln, die eine angenehme Mischung aus europäischer Infrastruktur und karibischem Lifestyle kombinieren: Gute Marinas, Bäckereien mit Baguettes und Croissants auf Pariser Niveau, Top-Restaurants mit Weinkühlschränken, dabei zugleich die karibische Lebensart. Beach-Bars, bunte Holzhäuschen und traumhafte, palmengesäumte Strände. Guadeloupe, die Iles de Saint, St. Barth oder der französische Teil von St. Martin sind solche Plätze.

Dagegen gibt es Großbritannien (Anguilla) oder den Niederlanden (Saba oder der niederländische Teil der Insel Sint Maarten) gehörende Inseln – mit anderer Landessprache, weniger europäischem Einfluss und stärker karibisch geprägtem Erscheinungsbild. Wer will, kann auf einem Törn es sozusagen oder drei oder gar vier Nationalitäten zu tun bekommen und koloniale Vergangenheit sehen und spüren. Eines der Top-Ziele in dieser Richtung ist ohne Frage English Harbour auf Antigua. Der alte Flottenstützpunkt rund um Nelsons Dockyard gehört zu den schönsten Naturhäfen und Landspots in der ganzen Karibik. Wer einmal dort war und dann auch die legendäre Steelband und Reggae-Party (immer sonntags) oben auf dem Berg Shirley Heights erlebt hat, dürfte dem Revier mit Haut und Haaren verfallen sein. Der Blick von oben über den Naturhafen und die Bucht ist zudem sensationell.

Die Inseln bieten auch andere Eigenheiten, wie etwa die Rum-Produktion, die vor allem auf einigen französischen Inseln wie Guadeloupe oder Marie Galante bis heute weit verbreitet ist und wirklich gute Ware hervorbringt. Einziger Nachteil im Revier ist, dass die vielen Nationalitäten auch häufiges Ein- und Ausklarieren verlangen – was Crews, die sonst nur in den BVIs unterwegs sind, nicht kennen.

Etwas Besonderes sind auch die beiden sehr bergigen und von dichtem Grün bewachsenen Inseln Guadeloupe und Dominica. Wer einmal eine Tour durch tropischen Wald mit Wasserfällen und steilen Gipfeln machen will, ist hier richtig.

Seglerisch geht es anders zu als in den BVIs: Zwischen den Inseln segelt man auch mal etwas längere Schläge, dabei weht der Nordostpassat stabil. Windrichtung und Lage der Inseln ergänzen sich ziemlich günstig, oft geht es gen Süden mit raumen Wind, zurück reicht dann mit etwas Glück ein Anliegerkurs. Ein gutes Revier für Crews, die auch einmal einen längeren Schlag im offenen Atlantik machen wollen. Die meisten Crews, die hier segeln, kommen 14 Tage, doch selbst in zwei Wochen ist nicht das ganze Revier zu schaffen. Die Charterer segeln entweder von St. Martin südwärts bis maximal Antigua, die anderen starten im Süden ab Guadeloupe und kommen ähnlich weit. Grund genug also, um das Revier zweimal aufzusuchen.