Kreuzfahrt: Soll der Staat die Branche retten?

Ein Paar geniesst den Sonnenuntergang an der Reling.
article inline
 
 
 

Die Verzweiflung muss groß sein. Fritz Joussen, der Vorstandsvorsitzende des Reisekonzerns TUI, hat für den Sommer Kreuzfahrten in der Nordsee mit reduzierter Passagierzahl angekündigt. Höchstens 1.000 Gäste sollen auf einmal an Bord, schlug er in einem Interview mit der „BILD-Zeitung“ vor. Die Schiffe sollen im deutschen Küstenmeer navigieren, ohne unterwegs in Häfen anzulegen. Einmal Hamburg und zurück?

Der Kontrast mit dem gewohnten Programm von TUI Cruises könnte größer nicht sein, pflegte Deutschlands zweitgrößte Kreuzfahrtreederei doch die Kunden mit den Geheimnissen des Orients, dem Paradies der Karibik oder wenigstens mit der Sonne des Mittelmeers zu locken. Und jetzt soll plötzlich eine Rundfahrt durch die trübe Deutsche Bucht reichen?

Seit drei Monaten haben die weltweit 400 Kreuzfahrtschiffe Zwangspause. Sie liegen im Hamburger Hafen, dümpeln vor Manila, Miami oder irgendwo zwischen Helgoland und Wangerooge. Wann es wieder losgeht, ist unklar. Die britische Reederei P&O Cruises etwa hat alle Kreuzfahrten bis Mitte Oktober abgesagt. Die Rostocker Reederei AIDA, wie P&O eine Tochter des US-amerikanischen Kreuzfahrtkonzerns Carnival, hat alle Reisen in Nordamerika bis Ende des Jahres gestrichen.

Trotzdem halten die deutschen Anbieter offiziell an einem raschen Neustart fest. Man arbeite daran „mit Hochdruck“, so ein TUI-Sprecher. Trotz Krise verzeichne man für „das Gesamtjahr immer noch eine gute Auslastung.“ Viele Gäste entschieden sich für „eine Umbuchung“ abgesagter Reisen.

Kreuzfahrt ins Nirgendwo

Walter Krombach glaubt nicht an den schnellen und umfassenden Neustart. Der pensionierte Touristiker und ehemalige Reiseverbandsfunktionär kennt die Branche, hat vor vielen Jahren selbst Kreuzfahrten für Neckermann organisiert. Damals war es allerdings noch kein Massenphänomen. Heute seien Kreuzfahrten „high life“, das Entertainment an Bord stehe im Mittelpunkt. „Das erfordert Nähe, vom Essen an größeren Tischen bis zur Abendunterhaltung.“ Die Wellness-Einrichtungen, die Achterbahnen und Rutschen auf dem obersten Deck, „all das kann man sich unter den momentanen Voraussetzungen nicht vorstellen“, sagt Walter Krombach im Panorama-Interview. Damit entfalle der Spaßfaktor, und die Kreuzfahrt drohe zu einer recht trüben, möglicherweise für viele enttäuschenden Angelegenheit zu werden. „Die Reedereien scheuen sich natürlich – und das verstehe ich ja vollkommen – tatsächlich heute schon die Wahrheit, die Realität nach draußen zu bringen“, sagt der erfahrene Touristiker. Niemand in der Branche glaube jedoch wirklich, „dass der Boom in absehbarer Zeit nahtlos fortgesetzt werden kann.“

Wann die beliebten Zielhäfen Barcelona, Venedig und Dubrovnik wieder Kreuzfahrer zulassen, ist unklar. TUI teilt zwar mit, man sei mit Zielhäfen im Mittelmeer im Hinblick auf eine Wiederaufnahme des Geschäfts im Gespräch. Aber Entscheidungsträger wie TUI-Chef Joussen bringen wohl nicht von ungefähr die Zwischenlösung „Cruises to nowhere“, also Kreuzfahrten nach nirgendwo, ins Spiel. Sympathisanten der Branche zerbrechen sich den Kopf. In einem „Zehn-Punkte-Plan“ zur Wiederbelebung der Kreuzfahrt regt „Die Welt“ etwa an, Meerespools mit dem Schiff zu vertäuen. Die Gäste könnten dann in dem schwimmenden Becken auf dem offenen Meer ein Bad „im Neoprenanzug“ nehmen und seien so nicht mehr auf einen Strand angewiesen.

So ganz scheint die Branche den kreativen Ideen für das Comeback nicht zu trauen. Mehr verspricht sie sich offenbar vom Ruf nach staatlichen Hilfen. TUI, Teileigentümerin zweier Kreuzfahrtreedereien, hat den ersten staatlichen Corona-Notkredit überhaupt von der Staatsbank KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) erhalten, in Höhe von 1,8 Milliarden Euro. Der asiatische Glücksspielkonzern Genting, dem der Kreuzfahrtschiffbauer MV Werften in Wismar, Warnemünde und Stralsund gehört, verlangt eine eilige Geldspritze in Höhe von mindestens 600 Millionen Euro von der KfW. Deutschlands größte Kreuzfahrtreederei Aida und die Meyer Werft in Papenburg, die sich auf den Bau dieses Schiffssegments spezialisiert hat und in dem Bereich weltweit führend ist, haben ebenso Staatshilfen beantragt. Auf Anfrage von Panorama teilte ein Sprecher der Meyer Werft mit, man habe einen frischen Kredit mit der KfW in Höhe von 200 Millionen Euro „vereinbart“.

„Urlaub für die Schulden“

Soll die Kreuzfahrtindustrie von der Allgemeinheit gerettet werden? Für die Branche scheint das eine Selbstverständlichkeit zu sein. Schließlich gehe es ja um viele Arbeitsplätze, so das stereotyp vorgetragene Argument.

Welche Verhandlungsmacht die Kreuzfahrtunternehmen angehäuft haben, zeigt eine unscheinbare Mitteilung des Bundeswirtschaftsministeriums vom 14. April. Darin verkündet das von Peter Altmaier (CDU) geführte Haus, man habe, in Absprache mit anderen europäischen Ländern wie Frankreich und Italien, internationalen Kreuzfahrtreedereien einen Schuldenurlaub, einen „Debt Holiday“, für ein Jahr gewährt. Ein Jahr lang bräuchten die Unternehmen, ihre Schulden bei der KfW Ipex, der hundertprozentigen Tochter der Staatsbank KfW, nicht zu tilgen. Nach Recherchen von Panorama wird somit die Rückzahlung von 1,5 Milliarden Euro gestundet.

Nutznießer des „Debt Holiday“ sind etwa die internationalen Branchenführer Carnival, Mutterkonzern von Aida, und Royal Caribbean, Miteigentümer von TUI Cruises und bald wohl auch von Hapag Lloyd Cruises. Beide Konzerne agieren von Miami in Florida. Auch der erwähnte Glücksspiel- und Kreuzfahrtkonzern Genting mit Sitzen in Hongkong und Singapur profitiert vom „Schuldenurlaub“.

„25 Milliarden Euro sind im Feuer“

Bemerkenswert ist die deutsche Begründung für den einjährigen Aufschub der Schuldentilgung: Die großen Reedereien sollen so davon abgehalten werden, ihre Schiffsbestellungen bei den Werften im niedersächsischen Papenburg und in Mecklenburg-Vorpommern zu stornieren. Das bekräftigt der Maritime Koordinator der Bundesregierung, Norbert Brackmann (CDU), im Interview mit Panorama. Man habe für die Gewährung des „Debt Holiday“ die Bedingung aufgestellt, dass die ausländischen Großreedereien „ihren Verpflichtungen gegenüber den Werften in Deutschland nachkommen“, sagt Brackmann.

Die internationalen Reedereien haben so viele Kreuzfahrtschiffe bestellt, dass die deutschen Werften eigentlich bis Mitte der 20er Jahre ausgelastet sind. Finanziert werden die Traumschiffe zu einem bedeutenden Teil von der KfW in Frankfurt. Panorama 3 machte im September 2019 bekannt, dass die Staatsbank Kredite für 73 Kreuzfahrtschiffe mit einem Gesamtvolumen von 8,4 Milliarden Euro vergeben hat. 28 dieser Schiffe seien noch nicht gebaut. Inzwischen hat sich das Kreditvolumen, so die Auskunft einer KfW-Sprecherin, auf 7,6 Milliarden Euro reduziert.

Der Regierungsbeauftragte Brackmann hilft, noch besser zu verstehen, wie tief der deutsche Staat im internationalen Kreuzfahrtgeschäft engagiert ist. „25 Milliarden Euro sind im Feuer“, sagt Merkels Mann für Maritimes, der sein Büro im Bundeswirtschaftsministerium hat. Deutschland hat nicht bloß Milliardenkredite an Carnival und Co. vergeben, sondern den Export der Kreuzfahrtriesen mit sogenannten Hermes-Deckungen versichert. Wenn die Kredite ausfallen, weil etwa die Reedereien pleitegehen, zahlt der deutsche Steuerzahler für die Traumschiffe. Im schlimmsten Fall sind dies 25 Milliarden Euro. Dieser drohende Gesamtschaden erklärt, warum es der Branche so problemlos gelingt, Erleichterungen bei der Tilgung ihrer Schulden zu bekommen. Brackmann verteidigt die Exportversicherung dennoch als „hervorragendes Investment“, das Arbeitsplätze auf den deutschen Werften sichere.

Panorama hat die beiden amerikanischen Konzerne Carnival und Royal Caribbean gefragt, wie wertvoll die Finanzierung durch die deutsche Staatsbank KfW für sie sei. Die Unternehmen ließen diese und weitere Fragen unbeantwortet. Aida reagierte auf unsere Fragen nicht.

Keine Hilfe aus den USA

Den Vorwurf, sich durch die ebenso vielgestaltige wie großzügige Förderung der Kreuzfahrtindustrie erpressbar gemacht zu haben, weist das Bundeswirtschaftsministerium zurück. „Die Exportkreditgarantien des Bundes schützen deutsche Exporteure vor Forderungsausfällen im Zusammenhang mit auslandsbezogenen Transaktionen“, schreibt ein Ministeriumssprecher in seiner Stellungnahme. Ziel sei die „Sicherung von Arbeitsplätzen und Knowhow in der deutschen Exportwirtschaft“. So werde „ein Beitrag zu wirtschaftlichem Wachstum geleistet“.

Auffällig ist jedenfalls, dass Carnival und Royal Caribbean mit ihren Hilfsgesuchen im Weißen Haus scheiterten. Donald Trump ließ die Kreuzfahrtunternehmen im März abblitzen mit dem Hinweis, dass sie in den Vereinigten Staaten keine Steuern zahlten. Carnival ist steuerlich in Panama, Royal Caribbean in Liberia gemeldet. Aber dann ist da ja noch die Bundesregierung. Unbemerkt von der Öffentlichkeit schlüpft Berlin in die Rolle des Rettungsankers für die internationale Kreuzfahrtindustrie.

Der niedersächsische Landtagsabgeordnete und frühere Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) beobachtet das mit Sorge. Er ist einer der wenigen Parlamentarier, die sich kritisch mit dem drohenden finanziellen Fiasko befassen. „Ich sehe hier die Gefahr, dass wir dem schlechten Geld noch viel gutes hinterherwerfen werden“, sagt Wenzel im Panorama-Interview. Im Hinblick auf die bereits gewährten Kredite und Garantien meint er: „Das Ausfallrisiko ist gewaltig.“

Dem Steuerzahler werde es nur schwer zu erklären sein, warum er jetzt die Branche retten müsse, bekräftigt Touristik-Insider Walter Krombach. Die Branche habe mit ihrem „immer weiter und immer mehr“, also dem hemmungslosen Wachstum mit immer mehr Schiffen und Passagieren, „eine Blase geschafften, die irgendwann platzen musste.“ Nicht jeder Akteur der Branche werde gerettet werden können, so Krombach, der in seinem Berufsleben auch Vorstandsmitglied im Deutschen Reiseverband war. Der Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums meint, das Ausfallrisiko könne „nicht ohne weiteres beziffert werden“. Man habe jedenfalls „eine ausreichende Aussicht auf einen schadensfreien Verlauf des Geschäftes“ gesehen.

Staatsbürgschaften für „zwei große Metallschrotthaufen“

Der wirtschaftliche Neustart nach der Virus-Krise müsse klimafreundlich sein, betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende April. Kohlenstoffneutrale Technologien müssten gefördert werden. Das Geld, das Deutschland dem Klimasünder Kreuzfahrt hinterherwirft, straft diese Ankündigung jetzt schon Lügen. Die beiden bei MV Werften im Bau befindlichen Megaschiffe Global I und Global II für jeweils 9.500 Passagiere sollen mit Schweröl, dem schmutzigsten und klimaschädlichsten Treibstoff überhaupt, angetrieben werden. Im Moment herrscht Kurzarbeit in Wismar und Warnemünde, offiziell bis Ende Juni. Ein Sprecher der Werft teilte Panorama mit, eine Verlängerung der Kurzarbeit bis Ende 2020 sei beantragt. Ob die beiden 342 Meter langen Schiffe, in Wahrheit schwimmende Riesencasinos, zu Ende gebaut werden, ist unklar. MV Werften weicht diesbezüglichen Fragen aus. Der Werft-Sprecher betont, dass alle Beteiligten für einen Erfolg des Unternehmens „gemeinsam kämpfen“. Es fänden intensive Abstimmungen zwischen Werft, dem Gesellschafter Genting und den politischen Entscheidungsträgern statt. Ein Lösungspaket werde aber erst verkündet, wenn dieses feststehe.

Der Maritime Beauftragte der Bundesregierung bezeichnet die Lage von MV Werften im Gespräch mit Panorama als „schwierig“. Er komme gerade aus einer Schaltkonferenz mit dem Chef von Genting (der malaysische Unternehmer und Milliardär Tan Sri Lim Kok Thai, Anm. der Redaktion), erzählt Norbert Brackmann. Der Konzernchef aus Südostasien habe betont, er habe leider kein Kapital, weil seine Casinos rund um den Globus geschlossen seien und er deshalb kein Geld verdiene.

Allein für das Kreuzfahrtprojekt in Mecklenburg-Vorpommern steht der Steuerzahler mit rund 3,7 Milliarden Euro an Krediten und Bürgschaften ein. „Die zwei großen Metallschrotthaufen“ – so betitelten Zulieferer die Rohbauten der Global I und Global II in vertraulichen Hintergrundgesprächen mit Panorama. Der Sprecher des Wirtschaftsministeriums Mecklenburg-Vorpommern sagte auf Anfrage von Panorama: „Die MV Werften sind ein bedeutender Wettbewerber im Kreuzfahrtschiffbaumarkt und das soll auch so bleiben.“