5 Vorurteile über Kreuzfahrten – und was wirklich an ihnen dran ist

Ein Paar geniesst den Sonnenuntergang an der Reling.

 
 
 

Kreuzfahrten sind der Reise-Trend der Stunde: Kaum eine andere Reiseform boomt seit Jahren derart kontinuierlich – obwohl sich auch um keine andere Reiseform so hartnäckig die Vorurteile halten. Aber ist die Skepsis berechtigt? Zeit für einen Praxistest …

Kreuzfahrt – allein das Wort weckt bei einigen die Vorstellung von viel zu vielen Personen, die in viel zu engen Gängen auf viel zu langweiligen Schiffen urlauben. Und das ist auch kein Wunder, wenn man bedenkt, wie lange die Branche selbst brauchte, um sich neu zu erfinden. Aber genau das hat sie getan. Und wer einmal auf einem modernen Kreuzfahrtschiff war, kann das vermutlich bestätigen. Wie ich zu dieser kühnen These kommen kann? Nun, weil ich diese Zeilen mit Blick auf das raue Meer vor Großbritannien tippe, während ein paar Regentropfen an die verglaste 180-Grad-Fensterfront auf Deck 15 des Kreuzfahrtschiffes prasseln. Ja, richtig gelesen: Ich mache justement meine erste Kreuzfahrterfahrung – und die konnte in Kombination mit einigen überraschenden Fakten durchaus so manches Vorurteil widerlegen.

1. Vorurteil: „Leute in meinem Alter trifft man auf einem Kreuzfahrtschiff eh nicht!“

Es ist vor allem das Vorurteil rund um das hohe Durchschnittsalter der Kreuzfahrtgäste, das sich wacker hält. Für Twenty-Somethings ist das gesittete Schippern durch die Weltmeere auch statistisch betrachtet vermeintlich weniger relevant. Allerdings sind es ausgerechnet die Gruppe der 26- bis 40-Jährigen sowie der 41- bis 55-Jährigen, die allein bereits 2018 die größten Zuwachsraten vermeldeten, wie der Branchenverband Clia Deutschland im Frühjahr 2019 resümierte. Mag also sein, dass der Löwenanteil noch in der Kategorie Ü60 liegt, aber die Jungen holen emsig auf.

Und auch wer den Blick über viele der zahlreichen Neubauten schweifen lässt, die 2018 und 2019 zu Wasser gelassen wurden, merkt schnell: Hier können kaum ausschließlich Senioren an Bord gehen – dafür ist das Entertainment-Angebot viel zu jung und so manche Bierbar viel zu fancy, wie auch ich am ersten Abend meiner Kreuzfahrterfahrung feststelle. Zunächst finde ich mich in einer Musical-Show mit Blick auf tanzende und singende Jungs wieder, die über die britische Pub-Kultur sinnieren, im Anschluss geht es auf einen Absacker in eine von vielen Bars mit Live-Show und die Nacht beenden wir in einem Club auf einer Party, während der ich fast vergesse, dass ich gerade auf einem Schiff bin.

2. Vorurteil: „Irgendwann wird dir auf jedem Kreuzfahrtschiff langweilig!“

Apropos Neubauten: Während 2018 tatsächlich 18 Schiffe mit insgesamt 34.000 Betten ihren Dienst aufnahmen, soll das 2019 noch getoppt werden – und auch 2020 geht es launchfreundlich bei den Reedereien weiter. Langeweile kann so innerhalb der Branche gar nicht erst aufkommen. Und auch nicht unter den Gästen. Denn die Neubauten toppen sich gerade in puncto Entertainment. An Bord gibt es fast nichts mehr, was es nicht gibt. Ob man wirklich jedes Unterhaltungs-Gagdet braucht? Fragwürdig. Aber zumindest die Gewissheit, dass es die Möglichkeit dazu gäbe, dürfte den einen oder anderen überraschen.

Als ich nach dem Kurztrip von Bord gehe, kann ich somit nicht nur behaupten, kein Kreuzfahrt-Newbie mehr zu sein, sondern auch zu wissen, wie es sich anfühlt, in einer Virtual-Reality-Achterbahn zu fahren, Lasertag zu spielen oder bei beachtlichem Wellengang über die auf Deck eines Kreuzfahrtschiffes eingezeichnete Laufstrecke zu joggen. Muss man im Leben vielleicht nicht unbedingt gemacht haben, aber die Erfahrung möchte ich nun auch nicht mehr missen …

3. Vorurteil: „Auf so einem Kreuzfahrtschiff hat man überhaupt keine Freiheiten!“

5.000 Passagiere auf einem Schiff und alle wollen gleichzeitig essen – eine Horrorvorstellung für so manchen Individualreisenden. Und da es vor allem der Wunsch nach Individualisierbarkeit ist, der Reisende heutzutage umtreibt, halten sie umso mehr daran fest, dass sie allein deswegen schon keine Kreuzfahrt machen könnten. Ist sicher alles viel zu durchgetaktet und vorgegeben, glauben sie zumindest.

Allerdings verliert das Argument an Gewicht, sobald man sich die Reaktionen der Reedereien darauf anschaut – und die Konzeptinnovationen, die sich dadurch vor allem auf internationalem Parkett finden. Die sind nämlich unter anderem von folgendem Ziel geprägt: mehr Freiheit und Flexibilität zu gewährleisten. Auf Tischzeiten und -zuordnungen wird verzichtet, ebenso auf Pflichten rund um Landausflüge & Co.. Denn was dem einen Reisenden ein Graus, ist dem anderen eine Freude – und gerade in der Kreuzfahrtbranche musste darauf reagiert werden, damit die Passagierzahlen sich so steigern konnten, wie sie es konnten. 5,5 Prozent mehr Gäste aus Deutschland waren es laut Clia-Auswertung in 2018: Die Zielgruppe, die sich (mitunter aus Gewohnheit) auch mit dem starren Programm abgeben würde, kann den Zuwachs schon per definitionem nicht allein verursacht haben.

4. Vorurteil: „Kreuzfahrtschiffe und Nachhaltigkeit? Das passt so gar nicht zusammen!“

Die Welt diskutiert über Umweltbewusstsein, Nachhaltigkeit und Artenschutz, während riesige Kreuzfahrtschiffe ihre Routen durch die Meere und ganze Ökosysteme ziehen – klingt paradox, ist es auch. In der Kreuzfahrtbranche streitet das auch niemand (mehr) ab. Im Gegenteil: Man hat weitestgehend verstanden, dass die Gäste auch in diesem Punkt mündig geworden sind. Und man reagiert. Sogar kritische Anfragen der Presse zum Thema Nachhaltigkeit werden inzwischen – je nach Reederei – beantwortet. Weil man muss, aber auch, weil man sie in einigen Bereichen inzwischen beantworten kann.

Denn während öffentlich erst wenige Jahre derart stark über das Thema diskutiert wird, finden sich auf See bereits Lösungen in Form von nachhaltigen Müllpressanlagen, die die Stoffe besser trennen und verwertbar machen, als wir das im Alltag schaffen. Oder auch Techniken, die in puncto Wasseraufbereitung & Co. aus einem Schiff einen Selbstversorger machen sollen, konsequentere Plastikeinsparung in der Gastronomie (Stichwort: Strohhalme), Abgasinnovationen wie Flüssiggasantrieb und Konzepte für kurze Lieferwege, die zumindest bei der Warenanlieferung Flugkilometer einsparen sollen. Das merke auch ich auf dieser Kreuzfahrt. Aber ob das alles reicht? Das schlechte Gewissen reist vorerst bei vielen weiterhin mit – und das ist auch gut so. Denn die Aufgabe ist komplex und es wäre fatal, zu behaupten, dass mit den oben genannten Lösungsansätzen schon alles getan wäre. Das jedenfalls denke ich mir, während ich einen Schluck Wasser aus dem Recycling-Pack trinke und mein Handtuch im Bad an den Haken hänge, weil ich das nach einem Tag nun wirklich nicht wechseln und waschen lassen muss. Wie war das noch gleich mit dem Anfangen im Kleinen?

5. Vorurteil: „Kreuzfahrten sind doch viel zu teuer!“

Teure Kabinen, teure Unterhaltung, teures Essen und teure Zusatzleistungen – all das hält viele ab. Auch ich bin bis zu meiner ersten Kreuzfahrterfahrung davon überzeugt. Und die Wahrheit ist: Ja, man kann eine Kreuzfahrt für 50.000 Euro buchen. Auf dem Schiff, auf dem ich unterwegs bin, gilt das allerdings für einen Platz im privaten Luxusbereich auf dem obersten Deck.

Allerdings finden sich auch Kabinen, die je nach Route, Saison und Nachfrage Kosten im dreistelligen Bereich verursachen. Anders ausgedrückt: Kreuzfahrten müssen nicht alle teuer sein. Wer sich bei Kabinentyp & Co. flexibel zeigt, kann bei den meisten Reedereien auch mit günstigeren Tarifen an Bord gehen. Fazit: Wer sich informiert, kann durchaus so manches Vorurteil ad acta legen – gerade in puncto Preis.