SAY 29E Runabout Carbon, schnellste Elektro-Yacht der Welt


 
 
 

Die SAY 29 Runabout ist der BMW i3 des Wassers: Außen superleichtes Carbon, innen ein superstarker Elektromotor. Der hat dem Boot jetzt einen Weltrekord eingebracht.

E-Mobilität kam auf dem Wasser bisher buchstäblich zäh voran: Um seinen hohen Widerstand zu überwinden, ist etwa zehnmal so viel Energie notwendig wie auf der Straße.

Doch die neue SAY 29 flutscht flotter durch die Fluten als ein Sportwagen über Asphalt – ein 500 PS starker Motor macht sie zum schnellsten Elektroboot der Welt.

Im Sommer 2018 stellte das Boot auf dem Zeller See (Österreich) einen Rekord auf: 89 km/h! Das wollen wir auf dem winterlichen Bodensee wiederholen. Ein leises Surren, das Schwappen der Wellen, mehr ist nicht zu hören. Fast lautlos verlässt das 8,85 Meter lange Boot den Hafen.

Der Name sagt’s: Die „SAY 29 Runabout Carbon“ hat einen Rumpf aus carbonfiberverstärktem Kunststoff (CfK), der nur 380 Kilogramm wiegt. Die sensationell leichte Schale wird im Allgäu von Hand gebaut.

In der Hülle ruhen auf riesigen Stahlfedern, die Sprünge und Kurvenfahrten mit bis zu 5G Belastung aushalten, die Lithium-Ionen-Akkus. Die Batterieblöcke, knapp eine Tonne schwer, sind wasserdicht verpackt. Daraus ringeln sich fingerdicke orangefarbene Kabel und verschwinden im Dunkeln: Hier fließt der „Sprit“, also Strom, mit 400 Volt – Hochspannung!

Die Power geht in einen Elektromotor des österreichischen Herstellers Kreisel: Der stärkste Quirl peitscht ohne dazwischenliegendes Getriebe die Wellen auf.

„Gegenüber glasfaserverstärktem Kunststoff wiegt unser Boot etwa ein Drittel weniger“, erklärt Wollschläger. Die Ersparnis und mehr geht für das Batteriepack drauf: 900 Kilogramm wiegen die Akkus.

SO FÄHRT ES

Rechts neben dem Steuerrad ist ein Mini-Tableau mit drei Drucknöpfen, die von einem farbigen Leuchtring eingefasst sind: „Harbour“ in Grün für das langsame Manövrieren im Hafen, „Sport“ in Gelb für normale Fahrt und ein roter Knopf, auf dem „Insane“ steht – das heißt „irre“

Tesla lässt grüßen: Diesen Volle-Kraft-Modus brachte der US-Hersteller erstmals im Viertürer Model S, und SAY Yachts hat’s ungeniert kopiert. Wer auf „insane“ drückt, muss nur eine Sekunde warten, dann den Fahrhebel nach vorn schieben.

Was dann passiert, presst einen gewaltig in den Sitz: Der Elektroantrieb peitscht das Wasser auf wie Nessie. Das Carbon-Boot schießt los, der Fahrtwind bügelt den Scheitel glatt und die Tachonadel dreht durch.

Wer düsteres Grollen erwartet, wird enttäuscht

Wer das düstere V8-Grollen anderer Sportboote erwartet, wird jedoch enttäuscht, da röhrt kein Auspuff: Der Strom-Sturm klingt nervös, kreischt fast aus der Tiefe des Hecks. „Ich finde, das klingt wie eine Turbine“, sagt Claas Wollschläger von SAY Yachts.

Der Turbinen-Taifun tobt allerdings nur 25 Sekunden – dann schaltet der Motor automatisch zurück in den Sportmodus, um die Akkus nicht zu stark zu belasten. Vier Minuten Abkühlzeit, dann kann das Spiel wiederholt werden. Dieser Kavalierstart ist – bei anfangs vollen Akkus –rund 50-mal möglich, bevor der Saft alle ist.

Auf dem Bodensee kratzen wir allerdings nicht ansatzweise den Weltrekord: 42 Knoten zeigt der Tacho, das sind rund 78 km/h. Mehr geht nicht, weil die Kälte den Akkus zusetzt.

DAS KOSTET ES

Eine Menge: Für die SAY 29 E Runabout Carbon zahlt man inklusive Akkus 349 000 Euro. Im Vergleich dazu ist eine Batterieladung billig: Legt man einen durchschnittlichen Ladesäulen-Preis von 50 Cent pro Kilowattstunde zugrunde, kostet Volltanken nur 65 Euro.

Allerdings kommt der E-Kapitän damit nicht so weit: im „Sport“-Modus bei 36 km/h Arbeitstempo etwa vier Stunden bzw. 150 Kilometer. Dann muss das Carbon-Boot wieder ans Netz. Mit Hausstrom dauert das Volltanken mehrere Tage.

FAZIT

Wer braucht so was? Diese Frage finden wir langweilig – weil jedem klar sein sollte, dass dieses Boot keinen wirklichen Praxiswert hat.

Aber wer einmal die irre Beschleunigung ausgekostet hat, weiß: Luxus dieser Art ist nicht unanständig oder absurd, sondern Maßstab des Fortschritts.

► Nach dem Motto: Was sich heute nur Multimillionäre leisten können, treibt in zehn Jahren jedes dritte Boot an.