Mit dem Vater auf 8-Meter-Boot über den Atlantik


 
 
 

Neues aus der Kategorie „Wer nicht wagt, der nie gewinnt“: Der „Sailing Frenchman“ lebt, was andere träumen. Auf einem 1-Euro-Boot aus den Siebzigern!

Wir wissen längst: Das Internet ist eine riesige Wundertüte – auch oder gerade für Blauwassersegler. Wer das Besondere sucht, wird dort fündig, wer Überraschungen liebt, sowieso.

Beispiel „The Sailing Frenchman“. Mag sein, dass die Bezeichnung „Segelnder Franzose“ in der Übersetzung nicht gerade originell klingt. Wer sich jedoch ein ganz klein wenig in der französischen Segelszene auskennt, der ahnt, dass die genutzten Sprache der eigentliche Clou ist: Ein Franzose, der sein Projekt in Englisch titelt und zudem seine (zahlreichen) Videos wie selbstverständlich in englischer Sprache verfasst! Rein kommunikativ betrachtet ein kleines Wunder.

Doch schön der Reihe nach. Hugo Pulse ist einer dieser jungen Typen, die „Hauptsache weg“ wollen und sich dafür das vermeintlich preiswerte Segelboot als Untersatz auswählen. Ohne große Ahnung davon zu haben, was auf sie zukommen könnte.

Aufgewachsen in den Pyrenéen, war Hugo eher Bergsport-affin. Im Winter fuhr er Ski bis zum Abwinken, wurde Skilehrer und träumte auch im Sommer beim Trekking und Laufen von coolen Abfahrten im pulvrigen Tiefschnee.

Genetisch veranlagt?

Irgendwann erzählten ihm seine Eltern, dass sie bis zu seinem zweiten Lebensjahr mit ihm viel und gerne auf dem Meer segelten, später jedoch ihr Boot verkaufen mussten. „Also probiere ich das auch mal“, dachte sich Hugo und machte als Teenager seinen ersten Törn gemeinsam mit Freunden. Er war gleich so begeistert, dass er fortan neben seinen Bergabfahrten auch noch von coolem Glitsch in der Gischt der Meere träumte.

Was ihn zudem faszinierte, war der Umstand, dass man beim Segeln im Prinzip sein Heim gleich dabei hat. Und die ganze Sache auch für finanzschwache, junge Menschen irgendwie zu stemmen ist. Vorausgesetzt, man schraubt seine Ansprüche in Bezug auf den segelnden Untersatz von Anfang an weit nach unten und bringt eine Menge Enthusiasmus und Willen zum Basteln mit.

Also kaufte sich Hugo ein Schiff vom Typ „Ecume de Mer“ für einen Euro. Ja, richtig gelesen: „Mehr war das Boot auch wirklich nicht wert,“ schreibt Hugo auf seiner Facebook-Seite. Der GFK-Kahn aus den Siebzigern stand irgendwo in Südfrankreich im Gebüsch eines Waldrandes, hatte seit vielen Jahren kein Salzwasser mehr unterm Rumpf verspürt und war gelinde gesagt ein Wrack.

Doch Hugo glaubte an die legendäre, robuste Bootsklasse (auf der z.B. in den Siebzigerjahren die damals schon durchgeführte Tour de France a la Voile gesegelt wurde) und machte sich enthusiastisch an die Arbeit.

Sechs Monate restaurierte er das Boot 15 Stunden lang täglich – danach war es startklar für die Langfahrt.

Ganz Kind der Youtube-Generation, dokumentierte er einen Großteil seiner Restaurierungsarbeiten „im Wald“ mit Videos und erreichte damit schon einen gewissen Aufmerksamkeitsgrad in der Langfahrt- und Segelbastelszene.

Unheimliche Begegnung

Doch so richtig bekannt wurde der Jungsegler auf seiner „Ecume de mer“ mit seinen ersten Blauwasser-Törns. Und zwar nicht dank langer Solostrecken auf den Sieben Meeren oder spektakulärer Überlebenstörns durch schwere Stürme, sondern aufgrund einer wundersamen Begegnung auf Hoher See.

Damals war Hugo auf dem Weg nach Gibraltar und lag „im Öl“ einer längeren Flaute. Wie immer in solchen Fällen, ließ er seine Lieblingsmusik von „Rone“ laufen. Plötzlich ein faszinierendes Phänomen: Dutzende Pilot-Wale näherten sich seinem Boot, spielten (und tanzten?) herum, nahmen wieder Abstand, sobald Hugo die Musik abstellte. Schließlich waren Hundert Pilotwale um sein Boot herum versammelt, sie kratzten sich den Rücken am Rumpf des Bootes, sangen mit ihren magischen Pfeiftönen zu „Rone“ und leisteten dem Segler spannende Gesellschaft.

Obwohl der nicht immer erfreut war angesichts der physischen Nähe – Kunststück: ein Flossenschlag von den Vier-Meter-Walen, und sein Ruderblatt wäre Klein-GfK.

Alles ging gut, es entstanden tolle Aufnahmen von den eher selten gesichteten Walen (siehe Video oben) und diese Begegnung der unheimlichen Art brachte Hugo sogar in das französische Kult-Rockkultur-Magazin „les Inrockutibles“. Logisch, denn Wale, die auf „Rone“ abfahren, das ist schon eine Entdeckung.

Ein Kindheitstraum, der sich nun erfüllt?

Im Februar 2018 segelte Hugo schließlich gemeinsam mit seinem Vater, der übrigens seit dem Verkauf des Familienbootes in Hugos Kindheit keinen Fuß mehr auf eine Yacht gesetzt hatte, über den Atlantik. Zu Zweit in 31 Tagen auf einem Acht-Meter-Boot in die Karibik – ein für Blauwassersegler nicht gerade spektakuläres Abenteuer, das jedoch auf sympathische Weise, unterhaltsam und durchaus lehrreich zu einem sehr sehenswerten Video geschnitten und erst jetzt online gestellt wurde.

Hugo erklärt den Bordrhythmus, die unterschiedlichen Segel, die er verwendete, spricht über das richtige und weniger richtige Essen an Bord für solch eine lange Reise ohne Stop und macht deutlich, dass auch eine eher gemächliche und gelassene Transat tiefe Emotionen hervorrufen kann.

Hugos Videos erreichen mittlerweile knapp 30.000 Aufrufe und sein Bekanntheitsgrad wächst, auch außerhalb der Online-Szene, von Episode zu Episode.

Immerhin brachten ihm seine Videos schon einen Crew-Platz auf der „12 M AFCA“ während „Les Voiles de St. Tropez“ ein.

Wie es weitergehen soll für Hugo? Ein Mann muss Pläne haben, sonst wird nichts realisiert: „Ich hole gerade ein paar Segelscheine nach, um später als Segellehrer zu arbeiten,“ schreibt Hugo auf Facebook. „Und dann werde ich mich als Crew-Mitglied für das Clipper Round the World Yacht Race“ bewerben. Das wird nicht einfach – aber nur wer wagt, gewinnt letztendlich auch!“