In Deutschland wird über ein Verbot von Diesel-Fahrzeugen in Innenstädten diskutiert, auch in OWL könnten sie kommen. Ob die davon eine eklatant sauberere Luft bekommen, sei mal dahin gestellt. Dennoch trägt die Debatte über Sinn und Unsinn von Abgas-Regulation bei Autos seltsame, meist schiefe Argumentationsblüten. So wie die, die aktuell wieder durchs Netz geistert.
Auf dem Bild, das ein Kreuzfahrtschiff zeigt, wird der Naturschutzbund Deutschland (NABU) zitiert: „Ein Kreuzfahrtschiff stößt pro Tag so viele Schadstoffe aus wie fünf Millionen Autos.“ Weiter unten heißt es ironisch, von einem unbekannten Verfasser in fragwürdiger Grammatik eingefügt: „Aber AUTOS sind SCHULD am ‚Klimawandel‘.“
Das Bild ist, wie gesagt, nicht erst seit der aktuellen Debatte in sozialen Netzwerken unterwegs. Verbreitet wird es unter anderem von fragwürdigen Seiten wie „W wie Wahrheit“. Und es enthält, wie gesagt, ein paar gravierende Fehler, wie „Die Zeit“ bereits im August 2017 belegte.
Falsche Zahlen, schiefe Vergleiche
Das wichtigste zuerst: Das Zitat stammt so ähnlich tatsächlich von Dietmar Oeliger, Leiter Verkehrspolitik beim NABU. Gesagt hat er 2012 im Zuge der Kampagne „Mir stinkt’s – für eine saubere Kreuzschifffahrt“ allerdings wörtlich: „Die 15 größten Seeschiffe der Welt stoßen jährlich mehr schädliche Schwefeloxide aus als alle 760 Millionen Autos weltweit.“
Das offensichtliche zuerst: In der Bildvariante geht es nicht mehr um Schwefeloxide, sondern um Schadstoffe, die Differenzierung ist verloren gegangen. Außerdem stimmte die Behauptung des NABU nicht: Bereits 2011 gab es laut Statistik der „Ward’s Automotive Group“ mehr als eine Milliarde Autos weltweit.
Richtig ist hingegen, dass Kreuzfahrtschiffe für mehr Ausstoß an Schwefeloxid verantwortlich sind als Autos. Allerdings hinkt der Vergleich: Denn seit 2008 fahren Autos in der EU, Japan und den USA mit schwefelfreiem Treibstoff. Schiffe hingegen werden häufig noch mit stark schwefelhaltigem Schweröl betrieben. Laut „Zeit“ werden Schwefeloxide deshalb im Straßenverkehr schon bald keine Rolle mehr spielen, ein Erfolg für die jüngere Umweltgesetzgebung.
„Grob als Quersumme ermittelt“
Hinzu kommt, dass für Umwelt und Gesundheit CO2, Stickoxide und Feinstaub weitaus relevanter sind. Auch davon stoßen Schiffe weit mehr aus, als Autos, jedoch im Verhältnis zur Anzahl beförderter Personen und der durchschnittlichen Strecke pro Tag, die der NABU damals eigentlich untersucht hatte, deutlich weniger als Schwefeloxide.
Unverständlich ist jedoch, wie der NABU 2012 auf die Aussage kam, „ein einziger Ozeanriese stößt auf einer Kreuzfahrt so viele Schadstoffe aus wie fünf Millionen Pkw auf gleicher Strecke“, ist allerdings abenteuerlich. Dietmar Oeliger sagte der Zeit 2017, man habe die Zahl „nach Bedeutung der Schadstoffe gewichtet grob als Quersumme ermittelt“.
Äpfel, Birnen, Kirschen und Tomaten durch vier
„Die Zeit“ schlüsselte das so auf: „Man hat also Äpfel, Birnen, Kirschen und Tomaten irgendwie zusammengezählt und durch vier geteilt.“ Oeliger wisse, dass das unseriös sei, schrieb die Zeitung. Die Zahl werde deshalb nur verwendet, „wenn Medien eine plakative, einfach zu verwendende Zahl möchten“.
All diesen Unschärfen zum Trotz produzieren Schiffe dennoch, insbesondere in Häfen, viel gesundheits- und umweltschädliche Schadstoffe. Umweltauflagen greifen in der Schiffahrt auch deshalb nur schleppend, da es weltweit unterschiedliche Grenzwerte gibt. Sauberere Technik und schadstoffärmere Treibstoffe gibt es. Und sie ist bereits auf Schiffen im Einsatz.
Immerhin: Aus humoristischer Sicht hat das Bild seine lichten Momente. Mit dem letzten Satz verbindet der unbekannte Verfasser den dringlichen Aufruf „Lass dich nicht verarschen. Informier dich.“ Da kann man nur sagen: Genau.